Rede zur Entgegennahme des Arno-Reinfrank-Literaturpreises 2018

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Jury, liebe Frau Koch,

ich habe in den letzten zwei Jahren – ich arbeite derzeit an einem Roman – nur drei Gedichte geschrieben. Für das eine wurde mir viel Geld angeboten, das zweite entstand aus einer Gelegenheit und wollte geschrieben werden, das dritte schrieb ich als Widmungsgedicht zu einem runden Geburtstag. Gerade deshalb freue ich mich besonders, dass ich den Arno-Reinfrank-Literaturpreis für meine Gedichte erhalte.

Ich lebe in meiner schriftstellerischen Tätigkeit von dem, was mir im Leben – nenne ich es Wirklichkeit – begegnet. Ich lebe in ihr, ich schreibe in ihr, ich bemühe mich darum, mich schreibend hineinzubohren, ohne die Oberfläche, also das, was man vielleicht als „auf beiden Beinen stehend“ oder „geerdet“ bezeichnet, zu verlassen. Eine Unmöglichkeit? Vielleicht.

Ein Vierzeiler von Arno Reinfrank lautet:

Sie stellen alles auf den Kopf –
schicken Mord und Raub ins Vergessen.
Hört man ihnen eine Weile zu,
hat die Wurst den Metzger gefressen.

Zwischen 5000 und 8000 Mark kostete es, wenn man mit Hilfe von Helfern aus der DDR in die BRD flüchten wollte. Damals wurden die Menschen, die eine solche Dienstleistung anboten Fluchthelfer genannt. Heute heißen Fluchthelfer Schlepper, heute bedroht die dritte, vierte, fünfte Welt die erste, heute hat der Wohlstand, in dem wir leben, nichts mehr mit der Armut derer zu tun, die nicht hier leben.

Es ist über fünf Jahre her, als ich begann, an einem Langgedicht über die Fluchtbewegungen Richtung Europa zu schreiben. Melilla, eine der beiden am Meer gelegenen, spanischen Exklaven in Marokko, umgeben von einer sechs Meter hohen Zaunanlage, die weltweit als eine der effektivsten gilt, erschien mir dafür als der Ort, an dem sich alles bündelte. Ich vertiefte mich in das Thema. Ich habe Seemeilen in Kilometer umgerechnet. Ich habe recherchiert, wie weit der Leuchtturm von der Südspitze Gibraltars seine Lichtbündel sendet. Ich habe stundenlang Reportagen gesehen. Ich habe mir immer wieder die Aufnahmen des Fotografen Julian Röder angesehen, die er in Melilla machte. Ich las jeden Zeitungsartikel, jede Reportage. Dann begann ich zu schreiben und merkte nach einer Weile, dass die Bilder, die ich entwarf, nicht meine eigenen waren, dass das Wissen, das ich mir angeeignet hatte, mich davon abhielt, mich tatsächlich auf das Thema einzulassen. Ich schrieb, als könnte ich auch über jedes andere x-beliebige Thema schreiben. Ich hielt mir das, worüber ich schreiben wollte, vom Leib. Es war viel zu weit weg, erfahrungsleer.

Es ist für meine Arbeit unabdingbar, dass ich sehen, spüren oder erleben kann, worüber ich schreibe. Daraus entsteht langsam und stetig das, was nicht sichtbar ist, ein Erkennen der zu beschreibenden Dinge und deren Zusammenhänge, der Kern eines Textes. Ich habe weder Literaturwissenschaft studiert noch arbeite ich als nebenberuflicher Literaturkritiker, ich schreibe Literatur, das muss genügen, und gleichzeitig versperrt mir dieser Zustand mitunter den Blick von weit oben auf das große Ganze. 

Arno Reinfrank hat in der letzten Strophe seines Gedichts „das weißumrissene Quadrat“ geschrieben:

Das Unsagbare kann auch der Poet
nicht sagen, aber sagen kann er wohl,
daß es unsagbar ist in dem Quadrat
das weiß die Wissenschaft ihm offenhält.

Ich bemühe mich, das Unsagbare, von dem Arno Reinfrank spricht, also auch das Sprachlos-Machende zur Sprache zu bringen und hoffe, dass es so gelingt, etwas offen zu halten, das zwischen Gedicht und Lesern ein Dialog entstehen lässt.

Ich lese Ihnen nun aus Teilen meiner Notizen vor, die ich während meines Aufenthalts in Melilla machte. Diese Notizen, die keine andere Funktion hatten, als festzuhalten was war, strich ich so zusammen, dass nur noch vorhanden war, was in meinem Verständnis Material für Gedichte war. Notizen, die meinem Gedächtnis eine Stütze waren und den Fakten und dem Erlebten verpflichtet waren. Warum ich Ihnen aus meinen Notizen vorlese? Arno Reinfrank schrieb eine Poesie der Fakten, wie er es nannte, und ich erhalte heute einen Literaturpreis, der seinen Namen trägt. Die Dinge, die ich während dieser einwöchigen Recherchereise in Melilla und Marokko erlebte, wurden mir zu Fakten und daran möchte ich Sie teilhaben lassen:

Am Morgen hole ich meinen roten Reisepass aus dem Rucksack und halte ihn bereit. Vor dem Sperrzaun drängeln sich vielleicht hundert Menschen. Als ich näher herantrete, schlägt ein Polizist mit seinem Schlagstock auf eine alte, gebückte Frau ein, die auf einem Skateboard zwei große Stoffballen transportiert. Er brüllt die Frau an. Die Menge weicht zurück. Ich halte den Pass hoch, schiebe mich durch die Menge. Der Polizist zieht mich zu sich, klopft mir auf die Schulter, sagt „Hola!“, und schiebt mich weiter. Ich drehe mich um, die Menge ist wieder an dem Gitter. Das Handy piept „Willkommen in Marokko“, die Uhrzeit wurde automatisch um eine Stunde zurückgestellt. Ich halte meinen Pass in der Hand. Ich gehe weiter. Fünfzig Meter bis Marokko, rechts und links blaulackierte Zäune, Stacheldraht, Schleuser, Schlepper, Schmuggler, Polizei, Militär. Vor dem Kontrollhäuschen hat sich eine lange Wartschlange gebildet. Drei, vier Kinder begleiten mich bettelnd. In der Nähe eines Polizisten gebe ich ihnen etwas Geld. Dicht hinter der Grenze warten mehrere Kinder mit Schubkarren und Einkaufswagen.

Das Gebirge erhebt sich hinter Melilla, es ist allgegenwärtig. An manchem Morgen hängt dort eine Wolke fest. In der Nacht leuchtet die Stadt, und da, wo es dunkel ist, ist das Gebirge, der Monte Gourougou. Auf diesem Berg campieren tausende Afrikaner aus den Subsahara-Regionen und warten auf ihre Chance, den Zaun zu überwinden und nach Europa zu gelangen. Ich möchte dort hin, ich will wissen, wie es da aussieht. Am nächsten Tag warte ich frühmorgens im Zentrum an der Haltestelle auf den Bus, der an den Grenzübergang Richtung Beni Ansar führt. Autos kommen vorbei, Polizeifahrzeuge. Die Haltestelle füllt sich. Ein hagerer Mann schiebt ein hageres Fahrrad auf der Straße an uns vorbei, das befrachtet ist mit großen Metallstücken. Es ist nicht zu erkennen, was das mal war. Er wird es bis nach Beni Ansar schieben. Der Bus hält. Ich frage gar nicht mehr, ob jemand englisch spricht. Ich sage auch nicht mehr „Marokko, por favor“ und lächele. Ich lege wortlos den Euro hin und bekomme wortlos zwei Münzen zurück. Der Bus ist gefüllt mit kopftuchtragenden Frauen und ein paar alten Männern.

Der Muezzin singt. In den Cafés sitzen Männer. Ich gehe zu dem Parkplatz der Sammeltaxis. Der Mann, der dort mit einem kleinen Block steht, die Preise festsetzt und die Fahrgäste zuteilt, schüttelt wieder mit dem Kopf. Vielleicht erkennt er mich wieder, ich hatte es schon an zwei anderen Tagen probiert. Ich gehe außen rum, von hinten auf den Parkplatz, durch die Fahrzeuge und winke einem älteren Mann zu, der vor seinem weißen, zerbeulten Mercedes steht. Bevor ich bei ihm bin, ziehe ich Geldscheine aus der Hosentasche und halte sie auf Brusthöhe. Er spricht nur arabisch. Ich habe die Route, die ich abfahren möchte, in mein Notizbuch skizziert. Er nickt. Ich gebe ihm den Stift und er schreibt eine Zahl auf die Seite. Ich nicke, wir geben uns die Hand. Für ihn ist es sehr viel, für mich wenig. Wir fahren hinten raus.

Wenn ich in Marokko bin, mache ich nur mit dem smartphone Fotos und auch das nur versteckt. Ich halte das Telefon in der Hand und drehe es immer wieder, während wir Nador verlassen. Nach einer Weile sagt der Fahrer: „Foto!“ und zeigt mir den ok-Daumen. Gut, der fremde Mann hat erlaubt, dass ich sein Land fotografieren darf. Zeghanghane, die nächste Stadt, schließt sich nahtlos an Nador an. Dann weiter nach Iaallatan. Dahinter nach rechts in das Gourougou-Gebirge. Nach drei, vier Kilometern erreichen wir ein 4-Sterne-Ferienressort. Vorbei an Kakteenfeldern, durch Eukalyptus- und Pinienwälder. Der Fahrer und ich lächeln manchmal einander zu. Manchmal hebe ich den Daumen. An jedem Ort hält er kurz an, sagt den Namen des Ortes und wiederholt ihn so lange, bis ich ihn korrekt ausgesprochen habe, dann weiter. Wir halten an einem Ausflugslokal, das geschlossen ist. Die Aussicht von hier oben ist grandios. Wir sind auf 800 Meter Höhe. Die Sonne hat den Scheitelpunkt erreicht, der Blick Richtung Mittelmeer ist dunstverhangen. Es ist egal, was ich sage. Es ist wichtig, wie ich es sage, also sage ich „Es ist schön hier!“ und lege meine rechte Hand auf die linke Brust. Zurück am Auto zeigt er mir Fotos seiner Enkel, ich zeige ihm Fotos meiner Kinder. Wir zeigen einander den Daumen.

Weiter durch ein Agavenfeld, vorbei an Gesteinsbrocken. Dann eine von übereinanderge-schichteten NATO-Drahtrollen umzäunte Koppel mit vier Pferden. Dann eine Kreuzung, vor der er den Wagen stoppt. Er sagt „Africans!“ und zeigt geradeaus und schüttelt dann so heftig seinen Kopf, als wolle er sagen: Kannst du vergessen, selbst wenn du doppelt so viel Geld bezahlst, ich fahre da nicht lang. Es ist gegen unsere Verabredung, gegen meinen Plan. Nach links weiterfahren oder aussteigen und allein weiterlaufen. Ich überlege hin und her. Nein, ich habe so viele Fotos aus den Camps im Internet gesehen. Ich wollte sehen, wie es oben auf dem Berg aussieht. Welche Pflanzen hier wachsen, wie es riecht, wie das Licht ist, was es mit mir macht, wenn ich auf dem selben Berg bin wie zigtausende Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, die nicht wissen, was kommt. Ich sage „ok“ und wir fahren nach links, den Berg hinunter, auf eine Hochebene. Es ist Schulschluss, vereinzelt laufen Kinder an der Straße entlang. Wir queren ein ausgetrocknetes Flussbett. In einem Dorf wird Müll verbrannt. Der Fahrer greift unter meinen Sitz, holt ein großes Teeglas hervor und sieht mich fragend an. Ich nicke. Rechts der Straße ein Kind auf einer Decke, vor ihm fünf Granatäpfel. In einem Kiefernwald die Überreste eines Lagers, viel Plastik, Müll, Planen, gesammeltes Holz. „Africans“, sagt der Fahrer.

In Beni Chiker hält der Fahrer auf dem Dorfplatz und steigt mit dem Glas aus. Der Platz ist leer, auf der Straße zwei parkende Autos. Er kommt wieder mit dampfendem Minztee. Er öffnet die Beifahrertür, presst das Glas in  das Fach der Türverkleidung und schlägt mit Hilfe meiner Skizze eine weitere Änderung der Tour vor. Wir würden nicht an dem Grenzübergang in Farkanah vorbeikommen. Ich war schon einige Male dort und muss es nicht ein weiteres Mal sehen. Es ist ein Umweg, aber ich willige ein. Am Abend verstehe ich, warum der Fahrer nicht durch Farkanah fahren wollte.

Als das Taxi kurz vor dem Grenzübergang hält, an dem ich losging, zieht der Fahrer seinen Ausweis aus dem Portmonee und zeigt auf seine Adresse. „Arjoud!“, sagt er. Ich sage meinen Namen und wir geben uns die Hand, legen sie danach auf die Herzseite und verneigen uns kurz. Wir winken uns zu. Ich verlasse Marokko für heute. Auf der langgezogenen Transitstrecke zwischen marokkanischer und spanischer Kontrolle höre ich Schreie. Ein Junge, so alt wie mein Sohn, ist durch die erste Kontrolle geschlüpft und rennt Richtung Spanien, zwei Soldaten hinter ihm her. Noch dreißig Meter, zwanzig. Die Soldaten holen auf und als sie ihn erreichen, treten sie ihm die Beine weg. Der Junge überschlägt sich. Die Soldaten reißen ihn hoch und führen ihn zurück nach Marokko. Ich stehe erstarrt und brauche eine Weile, um mich wieder zu sammeln. Ich nehme meinen roten Pass, halte ihn hoch und gehe auf den Kontrollpunkt zu. 

Am Abend stinkt es in dem Zimmer des Hotels, das oberhalb der Stadt steht, nach verbranntem Müll. Ich gehe auf den Balkon und sehe den Helikopter, der jede Nacht die Grenze mit einem Suchscheinwerfer absucht, über Farkanah stehen und im Gebirge an mehreren Stellen Feuer. Ich schalte den Laptop ein. Auf facebook berichtet José Palazón, ein Flüchtlingsaktivist aus Melilla, dass die marokkanische Armee mehrere Camps angezündet hat. Während ich den dampfenden Minztee trank, ist es 30 Menschen gelungen, den Zaun bei Farkanah zu überwinden. Ich sitze da, starre auf den Bildschirm und sage leise „Ja“.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Frau Koch, ich schreibe seit über 20 Jahren Gedichte, die sich mit gesellschaftlichen Realitäten beschäftigen, was sicherlich auch so bleiben wird.

Das Dichten, so kann ich es formulieren, ist ein kontemplativer, hektisierter oder alltäglicher Vorgang, in dem ich mir mitunter die Welt und meine direkte Umwelt besser erschließe. Manchmal ist es nicht mehr und nicht weniger. Das Gedicht ist das Großartigste, was in der Literatur zu schaffen ist. Auf kleinstem Raum wird Welthaltigkeit hergestellt. Das Gedicht kann eine Geschichte erzählen, es kann Gefühls- oder Denkzustände beschreiben, es kann Sprache zerfleddern, Sinnzusammenhänge zerstören und anders wieder zusammenfügen, es vermag da anzusetzen, wo das normale Sprechen aussetzen würde, weil das Gedicht schlichtweg sehr präzise ist. Derjenige, der ein Gedicht schreibt, setzt die Worte bestenfalls aus einer inneren Notwendigkeit genau so zueinander, weil sie anders gar nicht stehen können und dürfen. Die Beschäftigung mit Gedichten setzt im Schreiben und Denken eine Genauigkeit voraus. Eine Genauigkeit am Wort, an der Zeile, am Ganzen, und dem Bewusstsein darum, was Sprache vermag, welche Effekte sie erzielen kann und dass jedes Wort in einem Gedicht besten Falls diesen einen ihm zugewiesenen Platz hat – und auch das ich mich bei dem Verfassen dieses Satzes dafür entschieden habe, zwei Halbsätze zuvor dem sachlichen Gedicht einen maskulinen Artikel zu verpassen, obwohl es falsch ist.

In einem der Gedichte Arno Reinfranks findet sich eine für mich wundersame Genauigkeit in nur zwei Zeilen, die mich in eine Landschaft stellt:

„Die dunkelblau durchnäßten Wattefetzen
der Regenwolken ziehen kühl und schwer“

Ich lasse mich von Gedichten in Landschaften stellen und begleiten. Gedichte sind gute Begleiter. Mitunter kommen sie jahrzehntelang mit und verändern sich.

Während eines Workshops für Jugendliche, den ich vor einigen Jahren leitete, stand in einem der geschriebenen Gedichte die Zeile: „Die Pause zwischen Mund und Nase“. Leider verschwand sie bald wieder. Vielleicht fiel sie meiner Aufforderung „kill your darling!“ zum Opfer. „Die Pause zwischen Mund und Nase“. Ich war und bin fasziniert von dieser Zeile. Ich habe eine Ahnung von ihr, aber ich verstehe sie nicht. Ich muss in einem Gedicht nicht alles verstehen. Es geht auch niemand durch ein Museum für Gegenwartskunst und versteht alles. Es geht um ein Öffnen, Verstehen-Wollen, ein Hereinlassen, Herantasten, ein Denken, das womöglich anders funktioniert, als das eigene. Es geht mir darum, dass meine Gedichte verstanden werden, aber es geht mir auch um die Lücken, die Luft hineinlassen, um Irritation, um Widersprüche, um Widerstände, um das Unmögliche, warum auch nicht?

„Gedichte sind zur Ruhe gekommene Unruhe“. Vielleicht ist dieser Satz von Reiner Kunze das Einfachste, Allgemeingültigste und gleichzeitig Genaueste, was sich über Gedichte nur sagen lässt. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ich danke sehr herzlich für die Anerkennung meiner Arbeit und die Zuerkennung des Arno-Reinfrank-Preises.